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Stuttgart protestiert
Meine beschauliche Heimatstadt schafft es derzeit recht oft in die Medien. Der Grund dafür sind die Proteste gegen Großprojekt Stuttgart 21, bei dem nun mit dem Abriss der Seitenflügel des Hauptbahnhofs begonnen wurde. So lebhaft war es in Stuttgart schon lange nicht mehr. Nicht, dass hier nicht demonstriert würde – es gab Demos gegen den Irakkrieg und Kundgebungen der Ärzteschaft – aber ein derartiges Durchhaltevermögen im Protestieren ist für die Schwabenmetropole (von der manche behaupten, sie sei eher ein großes Dorf) außergewöhnlich. Ob es etwas bringt, ist die andere Frage, was nicht heißen soll, dass ich den Protest nicht befürworte, ganz im Gegenteil. Ich finde, jeder sollte für das eintreten, was ihn bewegt, und wenn das ein Bauprojekt ist, das Milliarden verschlingt und das Gesicht der kompletten Innenstadt verändern wird, ist das geradezu verständlich. Ich gebe aber offen zu, froh zu sein, gerade nicht in regelmäßig in die Stadt zu müssen. Das wäre mir zu anstrengen, zu viel Lärm, zu viele Menschen, und das finde ich schon, wenn gerade nicht protestiert wird. Müsste ich täglich am Bahnhof vorbei, würde meine Sympathie für die Protestler wahrscheinlich schleichend schwinden, dadurch, dass ich es nicht muss, kann ich sie mir bewahren.
Warum ich nicht selbst protestiere? Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen hätte ich gar keine Zeit dazu, zum anderen berührt mich dazu Stuttgart 21 zu wenig. Ich weiß, dass ich mir mit dieser Aussage einige Feinde mache, aber es ist einfach so. Vielleicht liegt es daran, dass es hauptsächlich um Geld und Bauvorhaben geht, beides Dinge, die mich nicht allzu sehr emotional beschäftigen. Der Protest tut das sehr wohl, und natürlich könnte ich mich aus Solidarität mit den Demonstranten auch gegen Stuttgart 21 einsetzen, das käme mir aber heuchlerisch vor. Abgesehen davon gehe ich nur für Dinge auf die Straße, die ich persönlich wirklich wichtig finde. Und auch wenn ich mir abermals Feinde mache: Das ist mir Stuttgart 21 nicht, beziehungsweise nicht so sehr, dass ich eine klare Position beziehen könnte. Ich kenne die Argumente beider Seiten, ich habe den Eindruck, die Gegner haben mehr davon, aber ich weiß nicht so recht, was ich von dem Ganzen halten soll. Ich finde es traurig, das unzählige Bäume im Park gefällt werden müssen. Das ist der Aspekt bei der ganzen Sache, der mich wirklich berührt. Ich mag Bäume. Ich finde sie toll. Ich fände es schön, wenn man sie in Ruhe lassen würde, zumal es sich um sehr alte Exemplare handelt. Das wäre aber dann doch nur ein Protest gegen einen Teilaspekt des Ganzen. Fakt ist: Ich weiß nicht, ob ich denen glauben kann, die in Stuttgart 21 eine große Chance für die Stadt und die Region sehen. Ich kann das weder bestätigen noch für Unsinn befinden. Natürlich gibt es Gutachten, aber es gibt auch Gegengutachten, und so recht kann ich mir trotz aller Modelle nicht vorstellen, wie das Ganze einmal werden wird. Und die Polemik, die auf beiden Seiten nur allzu oft zu hören ist, macht es auch nicht gerade leicht, sich einen sachlichen Überblick zu verschaffen. Ich bin weder ein Gegner noch ein Befürworter von Stuttgart 21. Das ist weder eine klare Position noch eine wohlfeile, aber es ist eine ehrliche. Ich möchte nicht so tun, als fände ich das ganze Projekt schrecklich, nur weil ich starke Sympathien für die Protestler hege und gegen das Abholzen der Bäume im Stadtpark bin. Und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich ein wenig Abstand zu dem Ganzen habe. Da ich es für unwahrscheinlich halte, dass Stuttgart 21 noch gestoppt wird, kann ich eigentlich nur hoffen, dass die unbeliebten Befürworter Recht behalten und die bewundernswert ausdauernden Gegner und Demonstranten sich irren. Wir werden sehen.
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